Freitag, 28. Januar 2011
Das beliebte Ziel der ausländischen Geldgeber
Das Jahr 2011 war gerade ein paar Stunden alt, da ging eine brasilianische Ära zu Ende. Am 1. Januar übergab Luiz Inácio Lula da Silva die grüngelbe Schärpe des Präsidenten an Dilma Rousseff, seine Erbin. Lula hatte die Tochter eines bulgarischen Einwanderers zur Kandidatin der Arbeiterpartei PT gemacht, er selbst durfte nach acht Jahren nicht mehr antreten. Im zweiten Wahlgang gewann seine vormalige Kabinettschefin mit seiner Hilfe souverän. Früher hatte sie als Guerillera die Militärdiktatur bekämpft und wurde im Gefängnis gefoltert. Während ihrer Bewerbung für Lulas Nachfolge überstand Dilma Rousseff eine Chemotherapie, trug Perücke und bezwang den Lymphdrüsenkrebs. Jetzt führt sie als erste Frau die 191 Millionen Brasilianer und soll Lulas Akrobatik nachmachen: den Spagat zwischen dem Davoser Wirtschaftsforum und dem alternativen Sozialforum, das in ihrer Heimat Porto Alegre gegründet wurde.
Der leutselige Vorgänger stammt aus dem bettelarmen Nordosten, war Schuhputzer, Dreher und Gewerkschaftsführer. Lula kam in Bretterbuden genauso gut an wie in vielen Vorstandsetagen, er stand für Brasiliens Höhenflug. Seine Wirtschaftspolitik war eher orthodox als links, mit dem starken Real als Basis. Unter dem Volkshelden wurde Brasilien zum optimistischen Liebling der Investoren, bekam Fußball-WM 2014 und Olympia 2016 und fand viel Öl im Atlantik. Bald will das fünftgrößte Land der Erde auch die fünftgrößte Wirtschaftsmacht sein. Dank Sozialprogrammen stiegen Millionen Landsleute in die Mittelklasse auf und wurden Konsumenten eines blühenden Binnenmarktes. 'Ich bin gekommen, um das Werk des Präsidenten Lula zu stärken', sprach Senhora Rousseff, ehe sie in Brasilia den Palácio do Planalto bezog, den Palast der Hochebene, ihren Amtssitz: 'Brasilien hat sich verbessert, doch es beginnt eine neue Ära.'
Sie übernahm in 37 Ministerien 15 Minister Lulas. Sie behielt Wirtschaftsminister Guido Mantega und übertrug Alexandre Tombini die Führung der Zentralbank, das gefiel den Märkten. Ökonom Tombini hatte sich zuvor unter Vorgänger Henrique Meirelles bewährt. 'Mission erfüllt', sagte Meirelles zum Abschied. Seit 2008 trägt Brasilien den Investment-Grade. Die Landeswährung Real ist gegenüber dem US-Dollar doppelt so viel wert wie vor Lula, deshalb überfluten brasilianische Touristen Nachbarländer wie Argentinien. Der Aktien-Index von São Paulo hat sich versechsfacht. Den Schwung will Dilma Rousseff mitnehmen. Doch es ist auch Gefahr im Verzug.
Ihre Amtszeit begann gleich mit einer Tragödie. Nach sintflutartigem Regen in den Bergen hinter Rio de Janeiro rissen Wassermassen Häuser und Bewohner mit, Schlammlawinen begruben Teile von Städten wie Teresãpolis, Nueva Friburgo und Petrãpolis. Mehr als 800 Tote wurden bisher gefunden, Tausende Gebäude zerstört. Die Naturkatastrophe zeigte, dass der brasilianische Fortschritt mancherorts auf tönernen Füßen steht. Vor allem viele Armenviertel, die sogenannten Favelas, sind mangels Bauland und Bauaufsicht an ungesicherten Hängen gewachsen - laut Statistik leben fünf Millionen Brasilianer in Risikogebieten. Brasilien leidet trotz seines Booms nach wie vor unter einer extrem ungleichen Verteilung des Einkommens, viele Einwohner können nicht lesen und schreiben und ernähren sich schlecht. Unter diesen Umständen konnten sich Drogenbanden und Milizen in den Slums ausbreiten, oft mit Hilfe von korrupten Polizisten und Politikern.
Das soll sich ändern. 'Der hartnäckigste Kampf meiner Regierung wird der Kampf für die Ausrottung der extremen Armut sein', verkündete die neue Wortführerin Rousseff. Sie will einerseits weiter in die vielfach marode Infrastruktur investieren. Und muss andererseits sparen. Die 'Eiserne Lady' gilt als durchsetzungsfreudige Technokratin, unter Lula war sie eine Art Managerin gewesen und verantwortlich für das Wachstumsprogramm PAC. Inzwischen hat die frühere Kommunistin sogar beschlossen, die überlasteten Flughäfen teilweise zu privatisieren. Außer modernen Terminals braucht das Riesenreich auch bessere Häfen, Straßen, Schulen, Universitäten. Dilma Rousseff verspricht die Reform von Steuersystem, politischen Strukturen und Erziehung: 'Ich will alle einladen, am Umbau unseres Landes mitzuarbeiten', sie hat sich viel vorgenommen.
Helfen soll der Reichtum aus dem Meeresboden. Vor Rio und São Paulo wurden gewaltige Ölvorkommen entdeckt, jedoch bis zu 7000 Meter tief und unter einer kräftigen Salzschicht. Der halbstaatliche Konzern Petrobras will den Fund in Milliarden Petrodollars verwandeln. 70 Milliarden Dollar sammelte das Unternehmen im September für die Tiefseebohrungen ein, es war die größte Kapitalerhöhung der Wirtschaftsgeschichte. Lula genoss die Auftritte vor Bohrtürmen und an der Börse von São Paulo. Umweltschützer sind entsetzt von der Versessenheit auf das Öl und von neuen Wasserkraftwerken im Gebiet des Amazonas. Ausländische Geldgeber stehen Schlange, das einst wankelmütige Brasilien ist unterdessen ein beliebtes Ziel geworden. Auch Firmen wie der Flugzeugbauer Embraer sind längst in die Weltliga abgehoben. Allerdings hat der Aufschwung riskante Nebenwirkungen.
Es fehlt Fachpersonal. Und mit der Einführung des Real wurde die Inflation besiegt wie eine Seuche, zuletzt lag sie wieder bei gut fünf Prozent. Der Real ist inzwischen zu teuer. Dilma Rousseff und die Notenbank wollen eine weitere Aufwertung kontrollieren und gleichzeitig die Inflation, die Leitzinsen könnten von 10,75 Prozent auf zwölf Prozent steigen. Das selbstbewusste Brasilien macht mit bei der globalen Währungsschlacht.
Nach Davos indes reist Dilma Rousseff nicht, sie schickt Außenminister Antonio Patriota, den Chef der mächtigen Entwicklungsbank, Luciano Coutinho, Notenbankleiter Tombini und Petrobras-Präsident José Sérgio Gabrielli. Davos-Organisator Klaus Schwab will die ersten 100 Tage der Regierung Rousseff dafür mit einer Veranstaltung Ende April in Rio würdigen, meldet die Zeitung OEstado do São Paulo. Lula dagegen soll im Februar beim Sozialforum in Dakar auftreten, heißt es. Das Thema: 'Die Krise des Systems und der Zivilisationen'.
Der leutselige Vorgänger stammt aus dem bettelarmen Nordosten, war Schuhputzer, Dreher und Gewerkschaftsführer. Lula kam in Bretterbuden genauso gut an wie in vielen Vorstandsetagen, er stand für Brasiliens Höhenflug. Seine Wirtschaftspolitik war eher orthodox als links, mit dem starken Real als Basis. Unter dem Volkshelden wurde Brasilien zum optimistischen Liebling der Investoren, bekam Fußball-WM 2014 und Olympia 2016 und fand viel Öl im Atlantik. Bald will das fünftgrößte Land der Erde auch die fünftgrößte Wirtschaftsmacht sein. Dank Sozialprogrammen stiegen Millionen Landsleute in die Mittelklasse auf und wurden Konsumenten eines blühenden Binnenmarktes. 'Ich bin gekommen, um das Werk des Präsidenten Lula zu stärken', sprach Senhora Rousseff, ehe sie in Brasilia den Palácio do Planalto bezog, den Palast der Hochebene, ihren Amtssitz: 'Brasilien hat sich verbessert, doch es beginnt eine neue Ära.'
Sie übernahm in 37 Ministerien 15 Minister Lulas. Sie behielt Wirtschaftsminister Guido Mantega und übertrug Alexandre Tombini die Führung der Zentralbank, das gefiel den Märkten. Ökonom Tombini hatte sich zuvor unter Vorgänger Henrique Meirelles bewährt. 'Mission erfüllt', sagte Meirelles zum Abschied. Seit 2008 trägt Brasilien den Investment-Grade. Die Landeswährung Real ist gegenüber dem US-Dollar doppelt so viel wert wie vor Lula, deshalb überfluten brasilianische Touristen Nachbarländer wie Argentinien. Der Aktien-Index von São Paulo hat sich versechsfacht. Den Schwung will Dilma Rousseff mitnehmen. Doch es ist auch Gefahr im Verzug.
Ihre Amtszeit begann gleich mit einer Tragödie. Nach sintflutartigem Regen in den Bergen hinter Rio de Janeiro rissen Wassermassen Häuser und Bewohner mit, Schlammlawinen begruben Teile von Städten wie Teresãpolis, Nueva Friburgo und Petrãpolis. Mehr als 800 Tote wurden bisher gefunden, Tausende Gebäude zerstört. Die Naturkatastrophe zeigte, dass der brasilianische Fortschritt mancherorts auf tönernen Füßen steht. Vor allem viele Armenviertel, die sogenannten Favelas, sind mangels Bauland und Bauaufsicht an ungesicherten Hängen gewachsen - laut Statistik leben fünf Millionen Brasilianer in Risikogebieten. Brasilien leidet trotz seines Booms nach wie vor unter einer extrem ungleichen Verteilung des Einkommens, viele Einwohner können nicht lesen und schreiben und ernähren sich schlecht. Unter diesen Umständen konnten sich Drogenbanden und Milizen in den Slums ausbreiten, oft mit Hilfe von korrupten Polizisten und Politikern.
Das soll sich ändern. 'Der hartnäckigste Kampf meiner Regierung wird der Kampf für die Ausrottung der extremen Armut sein', verkündete die neue Wortführerin Rousseff. Sie will einerseits weiter in die vielfach marode Infrastruktur investieren. Und muss andererseits sparen. Die 'Eiserne Lady' gilt als durchsetzungsfreudige Technokratin, unter Lula war sie eine Art Managerin gewesen und verantwortlich für das Wachstumsprogramm PAC. Inzwischen hat die frühere Kommunistin sogar beschlossen, die überlasteten Flughäfen teilweise zu privatisieren. Außer modernen Terminals braucht das Riesenreich auch bessere Häfen, Straßen, Schulen, Universitäten. Dilma Rousseff verspricht die Reform von Steuersystem, politischen Strukturen und Erziehung: 'Ich will alle einladen, am Umbau unseres Landes mitzuarbeiten', sie hat sich viel vorgenommen.
Helfen soll der Reichtum aus dem Meeresboden. Vor Rio und São Paulo wurden gewaltige Ölvorkommen entdeckt, jedoch bis zu 7000 Meter tief und unter einer kräftigen Salzschicht. Der halbstaatliche Konzern Petrobras will den Fund in Milliarden Petrodollars verwandeln. 70 Milliarden Dollar sammelte das Unternehmen im September für die Tiefseebohrungen ein, es war die größte Kapitalerhöhung der Wirtschaftsgeschichte. Lula genoss die Auftritte vor Bohrtürmen und an der Börse von São Paulo. Umweltschützer sind entsetzt von der Versessenheit auf das Öl und von neuen Wasserkraftwerken im Gebiet des Amazonas. Ausländische Geldgeber stehen Schlange, das einst wankelmütige Brasilien ist unterdessen ein beliebtes Ziel geworden. Auch Firmen wie der Flugzeugbauer Embraer sind längst in die Weltliga abgehoben. Allerdings hat der Aufschwung riskante Nebenwirkungen.
Es fehlt Fachpersonal. Und mit der Einführung des Real wurde die Inflation besiegt wie eine Seuche, zuletzt lag sie wieder bei gut fünf Prozent. Der Real ist inzwischen zu teuer. Dilma Rousseff und die Notenbank wollen eine weitere Aufwertung kontrollieren und gleichzeitig die Inflation, die Leitzinsen könnten von 10,75 Prozent auf zwölf Prozent steigen. Das selbstbewusste Brasilien macht mit bei der globalen Währungsschlacht.
Nach Davos indes reist Dilma Rousseff nicht, sie schickt Außenminister Antonio Patriota, den Chef der mächtigen Entwicklungsbank, Luciano Coutinho, Notenbankleiter Tombini und Petrobras-Präsident José Sérgio Gabrielli. Davos-Organisator Klaus Schwab will die ersten 100 Tage der Regierung Rousseff dafür mit einer Veranstaltung Ende April in Rio würdigen, meldet die Zeitung OEstado do São Paulo. Lula dagegen soll im Februar beim Sozialforum in Dakar auftreten, heißt es. Das Thema: 'Die Krise des Systems und der Zivilisationen'.
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 26.01.2011
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