Freitag, 26. Oktober 2012
Brasilien soll mit Ronaldo abnehmen
Brasilien ist auf
dem Weg, die USA als dickste Nation abzulösen. Der Ex-Weltfußballer Ronaldo
will deshalb Vorbild von Millionen werden: In einer TV-Show nimmt er ab.
Der Dicke, o
gordo, wurde Ronaldo schon zum Ende seiner Karriere gerufen. Nach seinen 400
Toren für den FC Barcelona, Real Madrid, den AC und Inter Mailand, nach drei
Goldenen Bällen für den Weltfußballer des Jahres und nach den WM-Pokalen 1994
und 2002 ließ es Ronaldo zurück im heimischen Brasilien etwas gemütlicher
angehen. Hinzu kam eine Schilddrüsenerkrankung, die den Spieler, der einst so
schnell und trickreich war, dass er den Beinamen o fenômeno bekam, ebenso
phänomenal aufschwemmte.
Eigentlich soll
Ronaldo mithelfen, die WM 2014 rund zu machen, er sitzt im Aufsichtsrat des
lokalen Organisationskomitees. Doch bei 118,4 Kilogramm, verteilt auf 1,84
Meter, 25,5 Prozent Fettanteil, 107 Zentimetern Bauchumfang und einem
Cholesterinwert von 283 wird jeder Schritt auf einer Stadionbaustelle zur Qual.
Mit einem errechneten Body-Mass-Index von 35 ist Ronaldo damit nicht
übergewichtig, sondern adipös, fettleibig also.
Ronaldos Diagnose
kennt ganz Brasilien, weil beim ärztlichen Check Millionen Zuschauer live dabei
waren. In einer Fernseh-Sendung des TV-Unternehmens Globo soll das Dickerchen
öffentlich abnehmen. Medida Certa (Das richtige Maß) heißt die Show. Drei
Monate lang können die Brasilianer zusehen, wie ihr einstiger Vorzeigestürmer
schwimmt, joggt, läuft, boxt und radelt. Im Blog zur Sendung kann der
Fortschritt des Diätwilligen täglich kontrolliert werden. 18 Kilo will Ronaldo
verlieren. Dabei beschönigt er nichts: "Die Waage – ein Trauma",
sagte der 36-Jährige neulich, und: "Ich hasse Tomaten."
Dem Süßen
verfallen
Sätze, die viele
Brasilianer unterschreiben würden. Das Land hat nicht von ungefähr eines seiner
berühmtesten Wahrzeichen Zuckerhut genannt. Die Brasilianer sind allem Süßen
verfallen. Das landesübliche Kaffeegetränk, der Cafezinho, besteht zur Hälfte
aus Zucker, der Verkauf süßer Brausen hat sich in den vergangenen Jahren
vervielfacht, auf ohnehin süßes Obst wie Ananas oder Papayas wird gerne noch
ein wenig Zucker gestreut. Gemüse ist verpönt.
2005 hatte
bereits eine Studie des Statistischen Amtes IBGE gezeigt, dass 40 Prozent aller
erwachsenen Brasilianer übergewichtig waren. Jeder Zehnte war fettleibig. Ein
Aufschrei ging durch das Land. Die Bikinimädchen und waschbrettbäuchigen
Volleyballer an Brasiliens Stränden, die Sehenswürdigkeiten des Landes also,
seien in Gefahr. Es wurden gar Einbußen im Tourismus erwartet, nachdem die New
York Times über die brasilianische "Fettsuchtepidemie" geschrieben
hatte.
Lokale
Kommentatoren konterten sofort, das angeblich vom Aussterben bedrohte Girl from
Ipanema sei nie gertenschlank gewesen, sondern habe schon immer den
"Körper einer Gitarre" gehabt. Der damalige Präsident Lula da Silva
zweifelte gar die Zahlen der IBGE an. Nicht nur weil er sich selbst bei einem
prüfenden Blick in den Präsidentenspiegel zumindest zur Gruppe der
Übergewichtigen hätte zählen müssen, sondern weil diese Zahlen seinem größten
Anliegen, dem Kampf gegen Hunger, förmlich zuwider liefen. Vor allem Kinder
seien immer noch unterernährt und tauchten in der Statistik nicht auf,
bemängelte der Präsident zurecht.
Hunger und
Übergewicht schließen sich in Brasilien nicht aus
Es passt aber zu
Brasilien, dem Land der Kontraste – arm und reich, schön und hässlich,
rassistisch und tolerant –, dass sich auch Hunger und Übergewicht nicht
ausschließen. Es sind vor allem die Armen, die sich falsch ernähren, weil
Gemüse und vitaminreiche Nahrung in dem südamerikanischen Land verhältnismäßig
teuer sind. Mittlerweile aber sterben mehr Menschen an den Folgen des
Übergewichts als an Unterernährung.
In diesem Jahr
wurden neue Zahlen veröffentlicht. Mittlerweile sind fast 49 Prozent der
Brasilianer übergewichtig, 15,8 Prozent sind wie Ronaldo fettleibig. Damit
haben es die Südamerikaner binnen kürzester Zeit fast auf deutsches Niveau
geschafft (2009: 51 Prozent übergewichtig, 15 Prozent adipös). Der
Gesundheitsminister warnt vor dem schlechten Vorbild USA. Experten schätzen,
Brasilien könnte in zehn Jahren den Nordamerikanern ihren Platz als dickste
Nation der Welt streitig machen, sofern der Trend anhält.
Es ist Brasiliens
neuer Wohlstand, der für das Wachstum der unerwünschten Art sorgte. Vor siebzig
Jahren lebten achtzig Prozent der Brasilianer auf dem Land und arbeiteten
körperlich. Mittlerweile leben achtzig Prozent in Städten, die so zugebaut
sind, dass es kaum Platz für Parks und Sportanlagen gibt. Fahrradfahren ist in
Rio de Janeiro und São Paulo nur Lebensmüden zu empfehlen. Außerdem lassen sich
die Brasilianer ohnehin lieber von Telenovelas bewegen als von Sportgeräten.
Wenn in Brasilien
dann gegessen wird, dann richtig: entweder Fast-Food, dessen Produzenten den
aufstrebenden Markt Brasilien für sich entdeckt haben; oder die auch nicht gerade
magere, traditionelle Küche. Das brasilianische Nationalgericht ist die üppige
Feijoada, gepökeltes und gedörrtes Schweinefleisch mit schwarzen Bohnen und
Reis. In Rodizio-Restaurants bringt der Kellner solange den gewaltigen, sich
drehenden Fleischspieß an den Tisch, bis der Gast sein Signalkärtchen von grün
auf rot stellt – oder der Magen platzt.
Gut bezahltes
Abnehmen
Ronaldo soll
jetzt Abhilfe schaffen. Der einst beste Fußballer der Welt wird von den
Brasilianern noch immer geliebt, nun eben wegen der Pfunde, die er verlieren wird. Er wolle ein
Vorbild für alle sein, die abnehmen wollten, sagte er zu Beginn der
Schlankmach-Sendung. Und machte sich und seinen Landsleuten Mut. "Ich
glaube nicht, dass es einfach wird. Wer schon einmal versucht hat, abzunehmen,
weiß, wie viel Willen es braucht, um das zu schaffen."
Ganz
uneigennützig macht Ronaldo das Ganze übrigens nicht. Umgerechnet 2,25
Millionen Euro bekommt o gordo laut einem Zeitungsbericht fürs öffentliche
Abspecken. Bei 18 Kilo wären das pro 1.000 Gramm etwa 125.000 Euro. Dafür kann
man schon mal eine Weile Tomaten essen.
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- Berlin
- Mein Name ist Leif, ich bin 31 Jahre alt und wegen beruflicher als auch privater Interessen sehr brasilienverbunden. Ich möchte Euch mit meinem Blog Brasilien näherbringen und Infos aus den verschiedensten Bereichen zusammentragen! Abração
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