Dienstag, 15. Februar 2011
Ungemütliches Brasilien
Die "Bar do Mineiro" ist eine Szene-Kneipe bei mir um die Ecke, sie ist vom Fußboden bis knapp unter die Decke weiß gefliest und von 15 Neonröhren beleuchtet. Und ich bin offenbar der einzige weit und breit, dem das nicht so gefällt, denn der "Mineiro" ist immer rappelvoll. An dem harten, kalten Licht, das Neonröhren und Energiesparbirnen abstrahlen, scheint sich in Brasilien niemand zu stören. In gardinenlosen Wohnungen brennen überhelle Birnen kalt von der Decke. Der traute Schein, die Wärme gedämpften Lichtes - das gibt es natürlich in Brasilien auch. Aber es scheint nicht wichtig zu sein. Als sei die Idee von Gemütlichkeit den Brasilianern fremd.
Einen sozialen Hintergrund kann das nicht haben. Ich bin extra in der Dämmerung die Hühnerleiter hinauf aufs Dach geklettert. Da sieht man vor dem Zuckerhut die Favela Santo Amaro, die sich durchaus malerisch über einen Hügel zieht, aber das Verhältnis von gelblich-warmen zu neon-kalten Fensterhöhlen ist ungefähr das gleiche wie beim Panorama auf der anderen Seite meines Daches, wo der Blick auf Villen und Apartmentblocks fällt. Es sind nicht die Armen, es sind nicht die Reichen, denen das eiskalte Licht nichts ausmacht. Es sind die Brasilianer.
Schwer zu sagen, woran das liegt. Meine Theorie: An der Idee des Fortschritts, und die wird in Brasilien viel unbekümmerter hochgehalten als in Europa, wo wir ja schon vor Jahrzehnten über die Janusköpfigkeit des Fortschritts Abituraufsätze schreiben mussten. Scheint im gelblich-warmen Licht nicht auch immer die Reminiszenz an die ums Feuer gelagerte Urhorde auf? Sehnen wir uns, selbst im Fortschritt der Moderne, nicht immer ein bisschen nach der Natur und ihren elementaren Zuständen?
In Brasilien dagegen war Fortschritt immer die schlichte Antithese zur Natur. Roden und Siedeln, Abholzen und Anbauen, Entwalden und Entwickeln - ein Volk, dessen kollektives Unterbewusstsein von solchen Zyklen geprägt ist, sehnt sich nicht nach Urfeuern und Urhorden zurück. Strom ist der Fortschritt schlechthin - lieber ein bisschen mehr davon als zu wenig. Und so sind Brasiliens Lampen immer zu grell, das Bier ist immer zu kalt, die Musik immer zu laut. Jedenfalls für unsereinen.
Unter "Gemütlichkeit" bietet mein Wörterbuch übrigens vier Übersetzungen an: comodidade, conforto, intimidade, jovialidade. Also Bequemlichkeit, Komfort, Intimität, Jovialität. Anders gesagt: Das Wort Gemütlichkeit gibt es im Brasilianischen gar nicht.
Link zum Thema:
Ungemütliches Brasilien
Also lieber Redakteur, wie wäre es denn mit dem Wort "aconchego"? Eventuell wäre ein neues Wörterbuch eine sinnvolle Investition!?
Einen sozialen Hintergrund kann das nicht haben. Ich bin extra in der Dämmerung die Hühnerleiter hinauf aufs Dach geklettert. Da sieht man vor dem Zuckerhut die Favela Santo Amaro, die sich durchaus malerisch über einen Hügel zieht, aber das Verhältnis von gelblich-warmen zu neon-kalten Fensterhöhlen ist ungefähr das gleiche wie beim Panorama auf der anderen Seite meines Daches, wo der Blick auf Villen und Apartmentblocks fällt. Es sind nicht die Armen, es sind nicht die Reichen, denen das eiskalte Licht nichts ausmacht. Es sind die Brasilianer.
Schwer zu sagen, woran das liegt. Meine Theorie: An der Idee des Fortschritts, und die wird in Brasilien viel unbekümmerter hochgehalten als in Europa, wo wir ja schon vor Jahrzehnten über die Janusköpfigkeit des Fortschritts Abituraufsätze schreiben mussten. Scheint im gelblich-warmen Licht nicht auch immer die Reminiszenz an die ums Feuer gelagerte Urhorde auf? Sehnen wir uns, selbst im Fortschritt der Moderne, nicht immer ein bisschen nach der Natur und ihren elementaren Zuständen?
In Brasilien dagegen war Fortschritt immer die schlichte Antithese zur Natur. Roden und Siedeln, Abholzen und Anbauen, Entwalden und Entwickeln - ein Volk, dessen kollektives Unterbewusstsein von solchen Zyklen geprägt ist, sehnt sich nicht nach Urfeuern und Urhorden zurück. Strom ist der Fortschritt schlechthin - lieber ein bisschen mehr davon als zu wenig. Und so sind Brasiliens Lampen immer zu grell, das Bier ist immer zu kalt, die Musik immer zu laut. Jedenfalls für unsereinen.
Unter "Gemütlichkeit" bietet mein Wörterbuch übrigens vier Übersetzungen an: comodidade, conforto, intimidade, jovialidade. Also Bequemlichkeit, Komfort, Intimität, Jovialität. Anders gesagt: Das Wort Gemütlichkeit gibt es im Brasilianischen gar nicht.
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Also lieber Redakteur, wie wäre es denn mit dem Wort "aconchego"? Eventuell wäre ein neues Wörterbuch eine sinnvolle Investition!?
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- Mein Name ist Leif, ich bin 31 Jahre alt und wegen beruflicher als auch privater Interessen sehr brasilienverbunden. Ich möchte Euch mit meinem Blog Brasilien näherbringen und Infos aus den verschiedensten Bereichen zusammentragen! Abração
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